Biodiversität und Ökonomie

Auf den ersten Blick haben Biodiversität und Ökonomie doch rein gar nichts miteinander zu tun! Hier die Natur, die Vielfalt der Arten, der Erhalt unserer Lebensgrundlagen, dort die Wirtschaft, das Gewinnstreben, der Profit, das Geld und die Finanzkrise. Hier die Schönheit, das Natürliche, das unser Herz Erwärmende. Dort die Kälte, das Wider-Natürliche, das vielleicht noch als notwendig Akzeptierte, weil eben unseren Wohlstand und unseren Reichtum unterstützende, doch nichtsdestotrotz das Ungeliebte.

Von Prof. Dr. Bernd Hansjürgens und Dr. Heidi Wittmer

Ökonomie: Die Lehre vom Umgang mit knappen Ressourcen

Dass diese Sichtweise nicht ganz so zutreffend ist, merkt man an der Frage: Was ist Ökonomie eigentlich? Es ist eben nicht nur die Wirtschaft oder der Profit, sondern es ist vor allem eine Wissenschaft vom Umgang mit Knappheit. Knappheit heißt: Es ist weniger da als wir wünschen. Alle Mittel dieser Welt sind knapp, zuallererst das Geld in unserem Portemonnaie, und damit die Güter, die wir uns davon kaufen können. Aber eben auch nahezu alle anderen Dinge, die uns umgeben – Knappheit ist ein allumfassendes, allgegenwärtiges und zeitloses Phänomen! Nur im Paradies konnte die Menschheit (für einen Moment) der Knappheit entrinnen, doch wir wissen, wie diese Geschichte ausging… Und eben auch die Umwelt, das, was sie leistet, was sie uns gibt, wovon wir letztlich abhängen, all das wird zunehmend knapp: Die Arten sterben aus, ihre Vielfalt wird reduziert, und die Umwelt ist schon lange nicht mehr unberührt – sie wird andauernd und nachhaltig genutzt und nicht selten zerstört oder geschädigt. Ihr wird keine Zeit gegeben, sich zu regenerieren. Dabei ist zu beachten, dass sie nicht nur der Lebensraum der Tiere und Pflanzen ist, sondern unser eigener Lebensraum. Um genau den geht es.

Eine ökonomische Betrachtung von Biodiversität ist somit nichts anderes als der Versuch, für Knappheitssituationen Hinweise zum Handeln zu geben. Zu einem ökonomischen Handeln mit dem knappen Gut Biodiversität. Hier ist die Ökonomie stark. Hier kann sie ihren ganzen Erfahrungsschatz und ihre Methodik fruchtbar einbringen. Hier hat sie eine Menge zu bieten!

Entscheidungen und Alternativkosten

Die Ökonomie kann Entscheidungen auf eine systematische Grundlage stellen, indem sie die Vorteile (=Nutzen), die mit der Entscheidung verbunden sind, den Nachteilen (=Kosten) gegenüberstellt. Jede Entscheidung, die wir treffen, ist durch Opportunitäts- oder Alternativkosten gekennzeichnet. Das bedeutet nichts Anderes, als das wir auf etwas verzichten, wenn wir uns für etwas entscheiden. Jede Entscheidung für etwas bedeutet daher einen Verzicht auf etwas Anderes: Wenn wir eine Fläche bebauen, etwa für Verkehrsinfrastruktur, Häuser oder Industrienanlagen, steht diese Fläche nicht mehr für den Schutz von Arten oder Ökosystemen zur Verfügung. Die Fläche dient uns zwar als Verkehrs-, Industrie- oder Wohnfläche. Sie kann bestimmte andere Funktionen, wie Regulierung von Wasser, Heimat für Tiere und Pflanzen, Regulierung des Mikroklimas, usw. dann aber nicht mehr wahrnehmen.

Die Ökonomie tut nichts anderes, als dass sie die Unentrinnbarkeit aus diesem Dilemma in den Mittelpunkt ihrer Betrachtung rückt. Sie macht uns darauf aufmerksam, dass es nichts umsonst gibt. Sie schützt uns in diesem Sinne vor Kostenblindheit, das heißt, sie verhindert (oder vermeidet wenigstens), dass bestimmte Kosten unserer Handlungen nicht erkannt werden und daher unberücksichtigt bleiben. Sie verhindert damit zugleich, dass Entscheidungen einseitig getroffen werden.

Warum diese Denkweise – also eine ökonomische – für die Biodiversität hilfreich sein kann, wird klar: Sie schützt vor Verschwendung und sie sorgt dafür, dass wir in der Gesellschaft unsere Ressourcen „sparsam“ und im Bewusstsein ihrer Knappheit einsetzen. Sie trägt damit dazu bei, dass es uns „besser“ geht, dass wir reicher werden und dass es mehr zum Verteilen gibt. Sie trägt dazu bei, Ressourcen „kostengünstig“ einzusetzen und ihren Wert zu erkennen. Und sie hilft, Informationen zu verarbeiten und Entscheidungen an Knappheiten auszurichten. Wenn es tatsächlich gelingt, dass Entscheidungen nach ökonomischen Kosten-Nutzen-Abwägungen getroffen werden, erhalten alle handelnden Akteure – seien es Konsumenten, Produzenten, öffentliche Entscheidungsträger oder wer auch immer – Anreize zum schonenden Umgang mit knappen Mitteln.

In vielen Lebensbereichen sind wir mit dieser Denkweise vertraut. Insbesondere natürlich bei wirtschaftlichen Aktivitäten, wie beim Kaufen oder Verkaufen von Gütern und Dienstleistungen. Für den Erhalt von Natur oder Biodiversität oder bestimmten Ökosystemleistungen hingegen erscheint uns diese Perspektive ungewohnt. Und sie ist auch keineswegs selbstverständlich.

Biodiversität: typischerweise nicht im Entscheidungskalkül enthalten

Die Ökonomie setzt nämlich voraus, dass es Preise und Märkte gibt, die die Knappheiten anzeigen. Hier liegt das Problem: Für Biodiversität gibt es typischerweise – von wenigen Ausnahmen abgesehen – keine solchen Preise und Märkte. Sie hat damit in den Entscheidungen der Akteure allzu oft keinen Wert. Vielmehr fallen ihre Vorteile diffus und in ferner Zukunft an; die Vorteile streuen breit, oft sind sie global und lassen sich nicht einzelnen Personen oder Gruppen zurechnen. Und damit werden sie auch nicht abgegolten.

Damit Knappheiten signalisiert werden sowie Preise und Märkte entstehen, muss die Politik eingreifen. Die Politik muss die Rahmenbedingungen setzen. Und sie muss Entscheidungen über knappe Ressourcen treffen. Sie muss anzeigen, dass ungehemmtes wirtschaftliches Wachstum und Kurzfristdenken ohne den Einbau einer Knappheitsbremse für Biodiversität und Ökosystemleistungen sowie ohne Berücksichtigung langfristiger Interessen nicht funktionieren.

Man stelle sich vor…

Wie viel wäre gelungen, wenn eine ökonomische Betrachtung dazu beitragen könnte, derartige Knappheiten „angemessen“ zu signalisieren. Was wäre gewonnen? Warum brauchen wir eigentlich ökonomische Werte? Zum einen wegen ihrer Informationsfunktion. Ökonomische Werte machen unterschiedliche Dinge wie „Mensch gemachtes“ und „Natur gemachtes“ Kapital oder verschiedene Arten von Ressourcen vergleichbar. Durch ökonomische Werte können wir unterschiedliche und breit streuende Werte aggregieren. Und wir können neue Märkte schaffen, man denke nur an den Kohlendioxid-Handel. Vor 20 Jahren gab es diesen Markt nicht und seine Einführung war eine Revolution. Wie großartig wären die Möglichkeiten, wenn es uns gelänge, auch nur ansatzweise solche Märkte im Biodiversitätsbereich zu implementieren? Dadurch setzen wir ganz neue Signale, die sogar zukünftige Werte sichtbar machen, denn Märkte enthalten auch Optionswerte. Man denke hier nur an den Regenwald und das Potenzial für pharmazeutische Produkte. Teilweise reagieren die Pharmaunternehmen bereits. Ökonomische Werte können aber auch dazu beitragen, Armut und soziale Probleme zu bekämpfen: Wenn wir Werte analysieren, fragen wir immer auch, wer den Nutzen und wer die Kosten hat. Und wenn wir für Leistungen die Begünstigten und die Benachteiligten klar identifizieren können, sind wir auch besser in der Lage, Kompensationsleistungen zu zahlen. Das ist ein Gedanke, der hinter der ökonomischen Bewertung steht, der aber oft übersehen wird.

Zugleich, und das sollten wir nicht vergessen, haben ökonomische Werte wie Preise auch eine Lenkungsfunktion. Es wird ein Kompass geliefert: Politiker, Bürger und Unternehmen können ihre Verhaltensweisen an den „neuen“ Werten orientieren. Bei Entscheidungen wird besser abgewogen und schonender mit Naturressourcen umgegangen. Das ist mit dem Begriff Kompass umschrieben. Außerdem besteht die Möglichkeit, Zielkonflikte (Trade-offs) sichtbar und damit auch besser verhandelbar zu machen. Wir könnten beispielsweise gegenüberstellen: Wenn eine Kommune kein Industriegebiet ausweist, was kostet das dann und was ist andererseits damit gewonnen? Bisher sind solche Entscheidungen systematisch verzerrt, weil kein kalkulierbarer Wert für Natur oder Naturleistungen vorliegt. Wenn es uns gelingt, hier weiterzukommen, werden die Entscheidungen in unserem marktwirtschaftlichen, dezentralen Entscheidungssystem auf eine bessere (transparentere) Ebene gehoben – und dadurch sind bessere Entscheidungen möglich. Insofern sind Biodiversität und Ökonomie keine Gegensätze. Ganz im Gegenteil: Die Biodiversität kann gewinnen, wenn eine stärkere ökonomische Sichtweise eingenommen wird. So wird ein ganz neuer Steuerungsimpuls gesetzt, der dazu beiträgt, dass der Verlust von Biodiversität und Ökosystemfunktionen endlich gebremst wird. Jede Entscheidung für Etwas bedeutet den Verzicht auf etwas Anderes. Die Ökonomie stellt Entscheidungsprozesse auf eine systematische Grundlage.

Über dieses Projekt

Natur ist unser Kapital ist eine Kampagne, um den Wert unseres Kapitals Natur anhand der Aufbereitung von Fallbeispielen aus Wissenschaft und Praxis sichtbar zu machen. Intakte und funktionsfähige Ökosysteme und ihre Leistungen bilden die Existenzgrundlage unseres Lebens. Dennoch wird der Wert dieses Kapitals nicht ausreichend in öffentlichen und privaten Entscheidungen berücksichtigt.

Unsere Art und Weise des Wirtschaftens und Konsumierens führt zu einer Überlastung der Natur. Das beeinträchtigt die Bereitstellung viele ihrer Leistungen und bedroht unsere Gesundheit, Lebensqualität und unser Wohlbefinden. Die Natur ist aus ökonomischer Sicht ein notwendiger Kapitalbestand, den wir erhalten und wiederherstellen müssen.

Nicht die Natur braucht uns, sondern wir brauchen die Natur und ihre Leistungen!