von Dr. Romy Klimke
Fiktive Flusswesen und reale Rechtsfragen
In dem Roman Die Flüsse von London des britischen Autors Ben Aaronovitch führen die Flüsse der Hauptstadt ein höchst merkwürdiges Eigenleben. Die Themse und ihre Nebenflüsse werden von Flussgottheiten bewohnt, die vollkommen mit dem Wasser verbunden sind und dessen Strömung sogar beeinflussen können. Aus rechtswissenschaftlicher Perspektive lässt sich daraus ableiten, dass diese Flüsse in der Erzählung als Rechtspersonen oder Rechtssubjekte auftreten – Wesen mit eigenständigen Rechten und Handlungsmöglichkeiten.
Eine faszinierende literarische Idee, könnte man meinen – doch ist sie wirklich nur Fiktion?
Natur mit Rechten: Von der Vision zur Rechtsrealität
Tatsächlich erkennen immer mehr Staaten weltweit Naturelemente wie Flüsse, Wälder oder Berge als Träger eigener Rechte an. Diese Entwicklung ist Teil der internationalen Rights of Nature-Bewegung, die sich für die rechtliche Anerkennung der Natur als eigenständige Akteurin einsetzt. Die sogenannten Eigenrechte der Natur beinhalten etwa das Recht auf Existenz, natürliche Entwicklung und Schutz vor menschlichen Eingriffen.
Einige dieser Rechte wurden 2017 in der Allgemeinen Erklärung der Rechte von Flüssen festgehalten – einem Dokument der US-amerikanischen NGO Earth Law Center. [1]
Als Ursprung dieser Idee gilt der Beitrag Should Trees Have Standing? des Juristen Christopher Stone aus dem Jahr 1972. [2] Die erste praktische Umsetzung erfolgte jedoch erst 2006 in Tamaqua Borough (USA), wo kommunal Rechte der Natur gesetzlich anerkannt wurden.
Vielfalt der Rechtswege – Wie Natur Recht erhält
Die Anerkennung von Rechten für Flüsse und andere Naturelemente erfolgt weltweit auf unterschiedlichen Wegen: über kommunale Satzungen, parlamentarische Gesetze oder Gerichtsentscheidungen. Während Ecuador 2008 als bisher einziges Land weltweit Eigenrechte der Natur in der Verfassung verankerte, haben Länder wie Kolumbien, Bangladesch oder Neuseeland den Flüssen über Gerichtsurteile oder Gesetze Rechtspersönlichkeit verliehen.
Einige bekannte Beispiele:
- Atrato-Fluss (Kolumbien, 2016)
- Whanganui-Fluss (Neuseeland, 2017)
- Magpie River (Kanada, 2021)
- Marañón (Peru, 2024)
- Alle Flüsse in Bangladesch (2019)
Die Regelungen reichen von allgemeinen Prinzipien (z. B. in Bolivien) bis hin zu sehr detaillierten rechtlichen Modellen, wie sie Neuseeland etabliert hat.
Flussrechte in Europa: Erste Schritte und Widerstände
Auch Europa nähert sich langsam der Idee. Im Jahr 2024 bestätigte das spanische Verfassungsgericht die Rechtspersönlichkeit des Mar Menor, einer Salzwasserlagune, die unter Überdüngung und Überfischung leidet.[3] In Lewes (England) wurde 2025 eine nicht rechtsverbindliche, aber richtungsweisende Rights for the River Ouse Charter verabschiedet.[4]
Bürgerinitiativen in Polen, Deutschland und der Schweiz setzen sich inzwischen für Rechte von Flüssen wie der Oder, der Spree oder der Reuss ein. Gleichzeitig stößt die Debatte auch auf Kritik: Rechte würden Pflichten voraussetzen – doch die Natur könne keine Pflichten übernehmen. Diese Argumentation greift jedoch zu kurz, denn auch andere Rechtssubjekte wie Kleinkinder oder Menschen im Koma haben Rechte, ohne selbst verpflichtet werden zu können.
[1] https://www.rightsofrivers.org.
[2] Christopher D. Stone, Should Trees Have Standing? – Toward Legal Rights for Natural Objects, Southern California Law Review 45 (1972), S. 450-501, abrufbar unter: https://iseethics.wordpress.com/wp-content/uploads/2013/02/stone-christopher-d-should-trees-have-standing.pdf.
[3] Ley 19/2022, 30.9.2022, abrufbar unter: https://www.boe.es/eli/es/l/2022/09/30/19
[4] https://www.lewes-eastbourne.gov.uk/article/3167/Council-champions-pioneering-Rights-of-River-Charter-to-protect-landmark-waterway.