Spätestens seit der 2017 veröffentlichten Krefeld-Studie erhält das Insektensterben große mediale Aufmerksamkeit. Damals war ein drastischer Rückgang der Biomasse von Fluginsekten in deutschen Schutzgebieten festgestellt worden. Je mehr über die Ursachen des Artenschwunds bekannt wird, umso gezielter lässt sich diesem Einhalt gebieten.
Von Prof. Nico Blüthgen (TU Darmstadt) und Rebecca Hahn (Palmengarten der Stadt Frankfurt am Main)
Problemstellung
Rückgang der Insektenbiomasse – was die Studien zeigen
Aus Großbritannien und den Niederlanden gab es schon vor der Krefeld-Studie (Hallmann C.A. et al., 2017) vergleichende Untersuchungen über längere Zeiträume, die allerdings weniger prominent diskutiert wurden. Auch die Roten Listen beschreiben seit Jahrzehnten einen Rückgang der Insektenzahlen. Die Zeitreihen, die jetzt zur Verfügung stehen, rücken das Thema aber noch einmal stärker in den Fokus.
Lokal gehen viele gefährdete Arten zurück. Solange dieser Rückgang nicht durch neu einwandernde Arten kompensiert wird, wird damit auch die Vielfalt geringer. In der Krefeld-Studie und anderen Untersuchungen nahm außerdem die Gesamtmasse der Insekten stark ab. Die Forschung ist allerdings immer dadurch limitiert, dass die Zeitreihen, die betrachtet werden, nur kurz sind. Viele Zeitreihen beginnen gerade erst, was eigentlich bereits zu spät ist. Die Landwirtschaft zum Beispiel hat sich in den 1980er und 1990er Jahren massiv entwickelt. Das wird durch die vorhandenen Zeitreihen nicht mehr abgebildet. Insofern setzen viele Studien bereits auf einem relativ niedrigen Niveau an.
Ursachen des Insektensterbens
Anstatt die Ursachen des Insektenschwunds allein über Zeitreihen zu klären, kann man auch beim Raum ansetzen. In den sogenannten Biodiversitäts-Exploratorien zum Beispiel können Forscher:innen gezielt unterschiedliche Landnutzungsfaktoren unter die Lupe nehmen und so verschiedene Einflüsse herauskristallisieren (Der PalmenGarten, 2024, S. 32 ff.). Solche Studien kommen ohne Zeitreihen aus, tragen aber dennoch dazu bei, die Ursachen der Insektenverluste zu verstehen.
BIODIVERSITÄTS-EXPLORATORIEN
Auf der Schwäbischen Alb, in der Region Hainich-Dün und im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin wurden drei großräumige Forschungslandschaften eingerichtet, die sogenannten Biodiversitäts-Exploratorien. Die Flächen liegen in Großschutzgebieten und werden unterschiedlich intensiv land- und forstwirtschaftlich genutzt. Seit 2006 gehen rund 250 Forschende aus unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen hier der Frage nach, wie sich verschiedene Formen der Landnutzung auf Artenvielfalt und Ökosystemprozesse auswirken, wie verschiedene Komponenten der Biodiversität wechselwirken und wie Artenvielfalt Ökosystemprozesse und -leistungen beeinflusst. Das Projekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert und ist die größte Forschungsplattform dieser Art in Europa.
Dabei zeigt sich, dass die Landwirtschaft als Ganzes einen großen Einfluss hat. Über ein Drittel der Landfläche der Erde ist landwirtschaftlich geprägt, in Deutschland sogar mehr als die Hälfte der Fläche (Umweltbundesamt, 2013).
Auf diesen Flächen oder in deren Nähe sind die Rückgänge stärker. Dabei wirken viele Faktoren zusammen: Pestizide spielen eine Rolle, aber auch Monokulturen, die für die meisten Insekten nicht als Lebensraum geeignet sind. Hinzu kommt die maschinelle Bearbeitung, zum Beispiel durch Pflügen, die Komprimierung von Böden oder die Mahd. Effektive Mäher oder Mulcher töten mindestens die Hälfte der vorhandenen Insekten.
All diese Faktoren spielen zusammen und wirken sich auf großer Fläche aus. Auch der Klimawandel spielt eine Rolle, die Veränderungen sind in der Summe aber nicht immer negativ. Je nach Bedingungen gibt es Gewinner und Verlierer. Manche Insektenarten zum Beispiel profitieren von wärmeren Temperaturen, während andere besser mit kühlen, feuchten Bedingungen zurechtkommen und Trockenphasen nicht überstehen.
Auch Lichtverschmutzung ist ein wichtiger Faktor. Wie diese prozentual zum Insektensterben beiträgt, ist allerdings nicht bekannt. Es sind immer verschiedene Faktoren, die zusammenwirken und sich gegenseitig verstärken. Daher ist es schwierig, den genauen Beitrag einzelner Faktoren zu ermitteln. Die Rückgänge sind gut belegt, aber die Ursachen sind vielfältig.
Analyse
Auswirkungen des Artenschwunds
Das Hauptproblem für Ökosysteme ist, dass sie wesentliche „Mitspieler“ verlieren oder dass deren Populationen zumindest quantitativ zurückgehen. Dadurch können bestimmte Ökosystemfunktionen schlechter erfüllt werden. Die Leistungsfähigkeit der Ökosysteme nimmt ab – und sie werden anfälliger für Störungen. Denn nur bei einer Vielfalt an Arten besteht auch eine Vielfalt an Reaktionsmöglichkeiten und damit die Versicherung, dass bestimmte Funktionen noch erfüllt werden können.
Der Rückgang von Vielfalt bringt unwiederbringliche Verluste – zunächst lokal oder regional, im schlimmsten Fall global. Sind Arten einmal verschwunden, ist es schwierig, sie zu regenerieren. Und mit den Arten verschwinden in gewisser Weise auch kulturelle Werte. Denn ein Aussterben etwa so populärer Organismen wie Bienen, Käfer oder Schmetterlinge stellt letztendlich auch einen kulturellen Verlust dar.
Schon heute beobachten wir eine besonders starke Abnahme an Arten, die von Insekten abhängen. Ein erstes Signal ist der Rückgang der Vogelarten. Auch andere Organismen, die für ihre Ernährung auf eine große Menge an Insekten angewiesen sind, gehen zurück, zum Beispiel Fledermäuse. Das ist eine spürbare Konsequenz des Insektensterbens.
Ein anderes Beispiel sind Dungkäfer, die auf Weiden eine sehr sichtbare Rolle spielen, indem sie den Kot der Weidetiere entfernen und eingraben – teilweise auch mit den darin befindlichen Samen. Damit tragen sie zur Bodenverbesserung bei und entfernen Kuhfladen. In der intensiven Landwirtschaft ist der Kot aber oft hochtoxisch für die Käfer, weil die Weidetiere zum Beispiel mit Wurmkuren behandelt wurden. Dadurch bleiben die Leistungen der Käfer oft aus, sodass die Kuhfladen länger liegenbleiben oder sogar gar nicht abgebaut werden, was wiederum zu einer geringeren Produktivität der Weiden führt.
Es kommt auch zu Schäden, wenn Ökosysteme nicht mehr reguliert werden, weil Beutegreifer wie Ameisen oder räuberische Käfer fehlen. Damit geht auch die biologische Schädlingsbekämpfung auf landwirtschaftlich genutzten Flächen zurück. Verluste an Ökosystemfunktionen sind letztlich ökonomische Einbußen (Der PalmenGarten, 2024, S. 28 ff.), die man dann durch den Einsatz von Pestiziden wieder ausgleichen muss – ein Teufelskreis.
Maßnahmen
Chancen durch Renaturierung
Anlass zu Pessimismus besteht dennoch nicht. Ökosysteme können zwar nicht immer vollständig renaturiert und oft nicht vollständig in den ursprünglichen Zustand zurückversetzt werden, aber doch in einem großen Maße, sodass sie wieder artenreicher und funktioneller werden. Dass sich Renaturierung lohnt, zeigt zum Beispiel die Regeneration von tropischen Regenwäldern in Ecuador, die erstaunlich gut gelingt. Ein Regenwaldsystem wächst dort von Agrarflächen ausgehend wieder nach – und das ist in bemerkenswerter Geschwindigkeit.
In einem Kontext, in dem man noch nicht alles verloren hat und es noch Waldflächen gibt, können sich Wälder und ihre Artengemeinschaften also wieder regenerieren. Andererseits gibt es auch Ökosysteme, die sich nur sehr aufwändig wiederherstellen lassen. Wenn zum Beispiel Feuchtgebiete einmal entwässert sind, braucht eine Renaturierung sehr viel Zeit – aber es ist nicht unmöglich. Es lohnt sich deshalb, Renaturierungsmaßnahmen stark auszubauen.
Vielfalt braucht Freiraum
Letztendlich führt kein Weg daran vorbei, dass Ökosysteme wieder mehr Freiraum erhalten (Der PalmenGarten, 2024, S. 78 ff., 84 ff., 88 ff. und 94 ff.). Die Flächen, auf denen Ökosysteme ohne Management oder nur mit minimalen Eingriffen bestehen, müssen deutlich vergrößert werden. Über allem steht das auf dem UN-Biodiversitätsgipfel in Montreal formulierte Ziel, dass dreißig Prozent der Land- und Meeresflächen unter Schutz gestellt werden müssen (15. Vertragsstaatenkonferenz der CBD 2015, Target 3), um den Biodiversitätsverlust umzukehren (CBD, 2025).
Gleichzeitig kann zum Beispiel eine Extensivierung der Landwirtschaft auch auf genutzten Flächen dazu beitragen, dass es wieder zu höheren Insektenpopulationen kommt. Weideland etwa hat sich in Studien als wesentlich artenreicher gezeigt als Wiesen, die mehrfach gemäht oder gedüngt werden. Auch Wälder rücken in den Fokus, zumal Mitteleuropa ohne den Einfluss des Menschen vorwiegend aus Wald bestehen würde. Da braucht es Mut, größere Gebiete unter Schutz zu stellen. Dabei muss man aber immer abwägen, ob man mehr Flächen unter Schutz stellt, dafür aber die Landwirtschaft auf den verbleibenden Flächen möglicherweise noch intensivieren muss. Die ideale Lösung gibt es in diesem Fall nicht.
Ein weiterer Ansatzpunkt ist die Eindämmung von Pestiziden. Neonikotinoide wurden zwar erfolgreich reduziert. Dafür werden jetzt andere Pestizide vermehrt eingesetzt, die vorher nicht so stark im Fokus standen. Diese Herausforderung muss angegangen werden, wenn es nicht zu weiteren Verlusten an Insekten kommen soll.
Fazit
Pflanzenbasierte Ernährung für mehr Naturflächen
Am Ende geht es darum, mehr Flächen der Natur zu überlassen. Eine sehr wirksame Maßnahme in diesem Kontext wäre eine Umstellung unserer Ernährung. Der größte Teil der Agrarflächen dient letztendlich der Massentierhaltung. Der Konsum tierischer Produkte verbraucht zum Teil zehn- bis dreißigmal mehr Anbaufläche als pflanzliche Ernährung. Hier könnte man ansetzen, ohne dass wir uns einschränken müssten – außer im Anteil der Fleisch- und Milchprodukte, die wir verzehren.
Man muss außerdem im Blick behalten, welche globalen Folgen regionale Entscheidungen haben. Wenn zum Beispiel intensive Landwirtschaftsflächen in Deutschland reduziert werden, aber gleichzeitig die Ernährung nicht umgestellt wird, führt das zwar lokal zu mehr Artenvielfalt. Dafür muss aber auch mehr importiert werden. Letztlich kann der Verlust an Naturflächen und Biodiversität dann noch größer sein, zum Beispiel beim Import von Tierfutter aus tropischen Ländern.
Für einen wirksamen Artenschutz braucht es
- Renaturierung
- lokale Förderung von Biodiversität
- Umstellung unserer Ernährung.
- mehr Umweltbildung.
Um mehr Naturflächen zu gewinnen, müssen wir aber vor allem beim Konsumverhalten ansetzen.
Dieser Beitrag basiert auf einem Interview, das 2024 in der Zeitschrift „Der PalmenGarten“ des Frankfurter Palmengartens zum Thema „Im Garten summt’s“ erschienen ist.
- Convention of Biological Diversity (CBD) (2015): 2030 Targets (with Guidance Notes), https://www.cbd.int/gbf/targets
- Der PalmenGarten, Im Garten summt’s (2024): Zeitschrift des Frankfurter Palmengarten, Ausgabe 87, Stadt Frankfurt am Main, https://www.palmengarten.de/de/palmengarten-zeitschrift.htm
- Hallmann, C.A., Sorg, M., Jongejan,s E., Siepel, H., Hofland, N., Schwan, H., et al. (2017) More than 75 percent decline over 27 years in total flying insect biomass in protected areas. PLoS ONE 12(10): https://doi.org/10.1371/journal.pone.0185809
- Umweltbundesamt (2013): Globale Landflächen und Biomasse nachhaltig und ressourcenschonend nutzen, https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/press/pd12-039_biomasse_nachhaltig_bewirtschaften_oekologische_grenzen_der_flaechennutzung_einhalten.pdf