Von Georgia Williams, Reinhild Benning und Leonie Paritong, Deutsche Umwelthilfe
Umweltschäden durch Nitrat
Jahrzehnte der Überdüngung haben viele unserer Ökosysteme in einen kritischen Zustand versetzt. Etwa 700 Meeresregionen weltweit sind zu Todeszonen geworden, da wegen der hohen Verfügbarkeit von Nitrat die explodierenden Algenbestände den Wasserkörpern zu viel Sauerstoff entziehen, was unter dem Begriff „Eutrophierung“ bekannt ist1. Etwa 48% der terrestrischen Ökosysteme überschreiten in Deutschland die Eutrophierungsgrenzwerte2.
Nicht nur Fischbestände sind durch umkippende Gewässer bedroht, hohe Stickstoffeinträge in die Umwelt gefährden die Biodiversität insgesamt. Mit zunehmenden Stickstoffanreicherungen nimmt die Artenvielfalt ab und nur wenige Arten, die mit den hohen Stickstoffmengen im Boden klarkommen, breiten sich verstärkt aus3. In der Folge geht auch die Vielfalt von Insekten, Weichtieren und Arten, die im Agrar- und Offenland beheimatet sind, zurück, von denen bereits 10.000 Arten als bestandsgefährdet gelten4,5. Ein Hauptgrund sind gestörte Nährstoffkreisläufe aufgrund von Überdüngung in der intensiven Landwirtschaft6. Im Stickstoff-Kreislauf entsteht außerdem Lachgas, ein Treibhausgas, dessen Effekt fast 300-mal so hoch ist wie der von Kohlendioxid und welches sich etwa 110 Jahre in der Atmosphäre hält7. Damit sprengt der Stickstoff-Kreislauf allein betrachtet die planetaren Grenzen noch deutlicher als es beim Klimawandel oder der Biodiversität der Fall ist8.
Gesundheitliche Risiken von zu viel Nitrat im Trinkwasser
Neue wissenschaftliche Erkenntnisse regen eine Diskussion über den Grenzwert von 50 mg pro Liter an
Nitrat ist nicht nur eine natürlicherweise im Boden vorkommende Stickstoffverbindung, sondern auch Bestandteil von Mineraldünger in der Landwirtschaft und Umwandlungsprodukt von Stickstoff aus Gülle. Wird auf Feldern mehr Stickstoff in Form von organischem Dünger (Gülle) oder Mineraldünger ausgebracht als die Pflanzen aufnehmen können, kann der überschüssige Stickstoff in Form von Nitrat ausgewaschen werden. Die Folge: übermäßig viel Nitrat gelangt ins Grundwasser. Das Problem ist nicht neu, sondern hat sich im Prinzip seit der Industrialisierung der Landwirtschaft in den 50ern entwickelt. Seit 2008 wird in Deutschland jährlich an jeder sechsten Messstelle der Grenzwert von 50 mg pro Liter überschritten9. Dieser EU-weite Grenzwert von 50 mg Nitrat pro Liter ist primär zum Schutz der menschlichen Gesundheit, genauer genommen von Säuglingen, aufgestellt worden10.
Neuere wissenschaftliche Studien weisen darauf hin, dass gesundheitliche Risiken möglicherweise bereits bei niedrigeren Nitratkonzentrationen auftreten könnten als bislang angenommen und für den Gesundheitsschutz eine Absenkung auf 10 mg pro Liter sinnvoller erscheint. Ein internationales Expertengremium, einberufen vom dänischen Umweltministerium, forderte erst kürzlich die Absenkung des Grenzwertes von Nitrat im dänischen Grundwasser auf 6 mg pro Liter11. Auslöser der Debatte sind unter anderem epidemiologische Studien aus Dänemark, die statistische Zusammenhänge zwischen langfristiger Nitratbelastung im Trinkwasser und einem erhöhten Darmkrebsrisiko nahelegen und dies bereits bei relativ niedrigen Nitrat-Konzentrationen im Trinkwasser von unter 10 mg pro Liter12. Dänemark hat sich infolgedessen dazu entschieden, den Grenzwert für Nitrat im Trinkwasser entsprechend der Empfehlung des Expertengremiums zu senken13.
Wie viele Menschen sind von hohen Nitratwerten im Trinkwasser betroffen?
In Dänemark leben nur wenige hunderttausende Menschen in Gebieten über 10 mg pro Liter Nitrat, da 90% des Trinkwassers weniger als 5 mg pro Liter Nitrat enthält14. Für Deutschland liegen solche Berechnungen noch nicht vor, doch eigene überschlägige Berechnungen auf Basis von Auswertungen regionaler Trinkwasserdaten deuten darauf hin, dass ein relevanter Teil der Bevölkerung in Regionen mit Nitratwerten über 10 mg/l lebt15.
Indirekte Gesundheitsrisiken durch Algen und Vibrionen
Nicht nur über das Grund- und Trinkwasser wirkt sich überschüssiges Nitrat negativ auf unsere Gesundheit aus. Ein übermäßiger Nitrateintrag in anliegende Gewässer, etwa in Gebieten mit intensiver Landwirtschaft oder Tierhaltung, befeuert unter günstigen klimatischen Bedingungen die Blaualgenblüte. Besonders an der Ostsee werden aus diesem Grund alljährlich Badeverbote ausgerufen16 und vereinzelt wurden auch schwere Vergiftungen bei Tieren dokumentiert17 18 19. In der Bretagne sind seit 2008 sogar drei Menschen und mindestens 30 Tiere aufgrund giftiger Gase gestorben, die durch Grünalgenblüten freigesetzt wurden, welche auf die Nährstoffverschmutzung durch die hohe Anzahl von Schweinezuchtbetrieben in der Region zurückzuführen sind20.
Beim Absterben der Blaualgen wiederum können sich außerdem spezielle Bakterien, sogenannte Vibrionen, besonders gut vermehren und bei immungeschwächten, älteren oder chronisch erkrankten Personen gefährliche Haut- oder Blutvergiftungen auslösen21 22. Seit 2004 sind in Deutschland etwa 15 Menschen aufgrund von Kontakt mit Vibrionen im Wasser verstorben23 24.
Zu viel Nitrat im Grund- und Trinkwasser kostet die Gesellschaft jährlich mehrere Milliarden Euro
Belastung der Steuerzahler*innen
Ein Gutachten im Auftrag des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) zum novellierten deutschen Düngerecht (insb. DüVO 2020) schätzt die Umweltschäden durch nicht ausreichend begrenzte Stickstoffüberschüsse auf jährlich drei Milliarden Euro25. Insgesamt kostet die Verschmutzung mit Nährstoffen die Steuerzahler*innen jährlich 22 Milliarden Euro26. Darüber hinaus könnte Deutschland wegen mangelhafter Umsetzung von EU-Vorschriften ein Vertragsverletzungsverfahren mit Strafzahlungen in dreistelliger Millionenhöhe pro Jahr drohen27. Zwar konnte ein solches Verfahren 2023 abgewendet werden28, angesichts jüngster Rückschritte im Düngerecht ist ein erneutes Öffnen eines Vertragsverletzungsverfahrens jedoch zu befürchten.
Verteuerung der Wasserrechnungen
Wegen der hohen Nitratkonzentrationen in Grund- und Oberflächengewässern stemmen Wasserwerke bereits jetzt erhebliche Mehrkosten, um den EU-weiten Grenzwert von 50 mg pro Liter Nitrat einzuhalten. Denn laut Nitratbericht der Bundesregierung wird an 26% der Messstellen dieser Grenzwert überschritten; an 17% ist ein steigender Trend der Nitratbelastung zu verzeichnen29. Freiwillige Maßnahmen haben bisher nicht zu einer hinreichenden Reduktion beigetragen, sodass in der Debatte verstärkt ordnungsrechtliche Maßnahmen diskutiert werden. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft rechnet angesichts der aktuellen Lage und einer drohenden kostenintensiven technischen Denitrifikation des Trinkwassers mit einer Verteuerung der jährlichen Wasserrechnungen um 20-60 Prozent30. Das Umweltbundesamt warnt ebenfalls vor einer Erhöhung der Trinkwasserpreise um bis zu 45 Prozent31. In der dänischen Stadt Aalborg wurden 2025 bereits umfangreiche Investitionen von 90 Millionen Euro in die Trinkwasseraufbereitung beschlossen, um einen Grenzwert von 15 mg pro Liter Nitrat im Trinkwasser zu erreichen. Damit zahlen die Einwohner*innen Aalborgs 134 Euro mehr für ihr Trinkwasser pro Jahr und das für die nächsten 10 Jahre32 33 34.Diese Kosten stehen potenziellen Einsparungen im Gesundheitssystem bei einer Reduktion der Nitrateinträge und -konzentrationen im Trinkwasser gegenüber.
Kosten für das Gesundheitssystem steigen
Für Dänemark haben Studien eine monetäre Belastung des Gesundheitssystems durch Nitrat im Trinkwasser von ca. 250 Millionen Euro berechnet. Selbst bei Berücksichtigung zusätzlicher Kosten einer Absenkung des Grenzwertes für die Wasseraufbereitung oder Außerbetriebnahme landwirtschaftlicher Flächen, zeigt sich ein deutlicher Netto-Mehrwert35 36. Berechnungen für Deutschland liegen noch nicht vor, doch die Belastung des Trinkwassers ist erheblich stärker ausgeprägt als in Dänemark37.
Wie Verursachergerechtigkeit auch ohne Polarisierung geklärt werden kann
Pauschale Schuldzuschreibungen stehen nicht nur einer konstruktiven Lösungsfindung im Wege, im Fall der Nitrat-Debatte verkennen sie die tatsächliche Lage. So stammen zwar ca. 90% der übermäßigen Nitrateinträge aus der Landwirtschaft, allerdings stammen diese von einer Minderheit der Betriebe. Besonders hohe Nährstoffüberschüsse treten häufig in Regionen mit hoher Tierhaltungsdichte auf. Umwelt- und Wasserverbände kritisieren, dass mit der Abschaffung der Stoffstrombilanz38 wichtige Informationen zur betrieblichen Nährstoffkontrolle entfallen und fordern, dass mithilfe der Stoffstrombilanz Behörden Einblick in die betrieblichen Bilanzen von Nährstoffzufuhren und -abgaben u.a. von Nitrat erhalten und gegebenenfalls Maßnahmen ergreifen.
In anderen EU-Staaten werden landwirtschaftliche Betriebe mit Überdüngung über vergleichbare Instrumente bereits jetzt besser identifiziert und es kann mit entsprechenden Maßnahmen reagiert werden. Die Niederlande etwa bietet Betrieben mit Tierhaltung einen finanziellen Ausgleich als Anreiz, aus der Tierhaltung auszusteigen39 40 und plant, erhobene Daten besser zu nutzen, um gezielter Betriebe zu entlasten oder zu sanktionieren41.
Konkrete Wege aus der Krise
Präventive Maßnahmen zur Minderung der Nitrateinträge gelten langfristig als deutlich kosteneffizienter als nachgelagerte technische Verfahren zur Wasseraufbereitung42 Aus Sicht der Deutschen Umwelthilfe sollten insbesondere folgende Maßnahmen stärker diskutiert bzw. umgesetzt werden:
- Eine Landwirtschaft mit geschlossenen Nährstoffkreisläufen fördern, d.h. vor allem den ökologischen Landbau.
- Gesetzliche Verbesserungen schaffen, um Stickstoffüberschüsse gezielt zu reduzieren. Ein erster Schritt wäre, das Verursacherprinzip mit dem Instrument der Stoffstrombilanz wiedereinzuführen.
- Die Einführung einer Stickstoffüberschussabgabe sowie Einführung einer Abgabe auf synthetische Düngemittel, um die Verursachergerechtigkeit zu fördern.
- Verbesserungen in der Fruchtfolge und Absenkung der gesetzlichen Düngebedarfswerte.
- Eine flächengebundene Tierhaltung mit max. 2 Großvieheinheiten (GV) bzw. 1,4 GV pro Hektar in ökologisch sensiblen Gebieten.
- Eine stärkere Ausrichtung der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU (GAP) auf die Honorierung von Ökosystemleistungen. Konkret könnte das z. B. mit der Einführung einer Gemeinwohlprämie erreicht werden.
- Etablierung von Ackerrandstreifen zu Fließgewässern und naturnahen Lebensräumen mit Verbot von Dünge- und Pestizideinsatz.
- Eine Diskussion über eine Absenkung des Grenzwertes von 50 mg pro Liter ist aus Umwelt- und Gesundheitssicht wünschenswert.